Auf(er)stehen mit Musik

Die AIR von J.S. Bach als Lebensmelodie

 Johann Sebastian Bach, 1685 - 1750: Air- 2. Satz aus der 3. Suite für Orchester in D-Dur; Bach-Werke-Verzeichnis (BWV) 1068
Als eifriger Hörer der klassischen Musik im Radio lernte ich die AIR ungefähr im Alter von 10 Jahren kennen. Sollte sich jemand fragen, warum ich nicht auf die Moderation geachtet habe, ist die Antwort ganz einfach: Mich hat damals nur die Musik interessiert. Die Air hat mich von Anfang an gefesselt, doch erst mit 14 oder 15 Jahren erfuhr ich den Titel.
 
 

Ein Deja-Entendu zur Silbernen Hochzeit
Meine Tante feierte Sibernen Hochzeit, der Feier vorangestellt war ein Gottesdienst, den ich an der Orgel musikalisch begleiten sollte. Neben diversen Kirchenliedern wünschte sie sich die Air von J.S.Bach. Meine Reaktion auf diesen Wunsch war ein Schulterzucken und der Kommentar, dass ich den Titel nicht kennen würde. Aber wenn es Noten gäbe davon, wäre dies sicher kein Problem für mich. Man besorgte mir also die Noten. Als ich diese dann erstmals sah, war ich völlig verzückt. Es war der Titel, der mich schon lange faszinierte, dessen Titel mir aber bis dahin nicht bekannt war. Nun musste ich nicht mehr darauf warten, dass ich ihn endlich wieder im Radio hören konnte. Nun konnte ich die Air auf der Orgel spielen, wann immer der Sinn danach stand. 
 
Gänsehaut-Feeling beim Musizieren
Es wäre mir im Traum nicht eingefallen, dieses herrliche Werk auf dem Klavier zu spielen. Seit dieser Hochzeitsfeier begleitet mich die Air. Einige Jahre später, ich studierte zu dieser Zeit Klavier und Kirchenmusik in Saarbrücken, spielte ich die Air erstmals auf dem Cembalo mit Orchester, mein Gott, was war das für mich ein Ereignis, dieses Werk, eingebettet in die D-Dur-Suite, nicht nur in Gänze und im Original zu hören, sondern auch selbst mitzuspielen - Gänsehaut pur!
 
Ein Stück für alle Anlässe
Bis heute spiele und spielte ich die Air bei feierlichen Gottesdiensten, ebenso aber auch bei einem Sterbeamt oder einer Hochzeit.
Als ich 2008 ein Streicher-Kammerorchester als Dirigent übernommen habe, stand die Air bei jedem Kirchenkonzert auf dem Programm. Wir haben damals neben unseren eigenen Konzerten viele Chöre begleitet, die Air passte da immer in das Programm. Irgendwann beschwerten sich die Musiker darüber und wir haben die Air seitdem nur noch einmal gespielt, im Sterbeamt für einen Bratscher aus unserem Orchester. Zum Jahresende habe ich die Leitung des Orchesters abgegeben. Bei einem Übergabekonzert im Herbst diesen Jahres werde ich die Air zum Beginn des Konzertes ein letztes Mal dirigieren.
 
Zeitlos faszinierend auf jedem Instrument
Obwohl ich auch Pianist bin, habe ich die Air niemals auf dem Klavier gespielt, zumindest bis vor ein paar Wochen. Im Herbst letzten Jahres kam auf Klassikradio die Ansage, dass die Air nun gespielt würde, mit Klavier. Ich war schockiert, der erste Gedanken war:  Wie kann man diese herrliche Musik nur mit Klavier spielen!  Bis ich diese Version anerkennen konnte, dauerte ein paar Wochen. Erst nach mehrmaligem Hören konnte ich diese Bearbeitung annehmen. Und zu Beginn des Jahres traute ich mich, eine eigene Version der Air auf dem Klavier zu spielen. Vor ein paar Wochen habe ich die Air dann auch in einem Wortgottesdienst auf dem Klavier gespielt.
Und spätestens jetzt wurde mir klar, dass die Air meines Erachtens nicht nur zeitlos und ein Jahrtausend-Werk ist, sondern auch mit jedem Instrumentenklang nichts von ihrer Faszination und Strahlkraft verliert.
 
Michael Fuxius
- Diplom-Musiklehrer -