Gedenken an die Deportation badischer Juden
In Gedenkfeiern in der Ortenau wurde der Deportation der Juden nach Gurs gedacht.
In Diersburg, Friesenheim, Kippenheim, Schmieheim und Ettenheim wurde am Donnerstag der Deportation der Juden nach Gurs vor genau 80 Jahren gedacht. Zur Erinnerung an die letzten jüdischen Mitbürger Diersburgs hat die evangelische Kirchengemeinde zusammen mit dem Historischen Verein Hohberg eine bewegende Gedenkfeier veranstaltet.
Die Juden waren am 22. Oktober 1940, vor genau 80 Jahren, aus ihrer Heimat vertrieben und einem ungewissen Schicksal ausgeliefert wurden, an dessen Ende in den meisten Fällen der Tod stand. Bernd Rottenecker (Historischer Verein), der mit Pfarrer Kornelius Gölz die Feierstunde konzipiert hatte, wies gleich zu Beginn auf eine wichtige Tatsache unseres Gedächtnisses hin: Es ist unzuverlässig. Der in den USA lebende Zeitzeuge Kurt Meier aus Kippenheim, 90, konnte coronabedingt nicht kommen. Meier, beim Abtransport seiner Familie aus Kippenheim zehn Jahre alt, hatte in seiner Erinnerung gespeichert, es sei "bei Dunkelheit" geschehen. Ein später aufgetauchtes Foto, auf dem er selbst zu sehen ist, zeigte jedoch, dass es "am helllichten Tag" geschah. Umso wichtiger sei es, so Rottenecker, die Erinnerung an solch kollektives Unrecht wie den Holocaust wach zu halten, die Einzelheiten zu sammeln und zu bewahren.
Parallelen zur Flüchtlingssituation
Pfarrer Gölz hob Parallelen zwischen der Situation der im Lager Gurs in Südfrankreich eingesperrten jüdischen Männer, Frauen und Kinder und der aktuellen Lage der Menschen in griechischen Flüchtlingslagern hervor. Regen und Kälte, Schlamm, Krankheiten, mangelnde Hygiene, schlechte medizinische Versorgung, Ungeziefer, Perspektivlosigkeit, Verzweiflung und das Gefühl, von der Welt vergessen zu sein, seien hier wie dort zu finden. "Eine große Aufgabe steht vor uns", betonte Gölz.
Große Erinnerungskerzen gezündet
Thile Kerkovius und Friederike Wagner lasen zu Aspekten der Deportation und des Lagerlebens Berichte von Zeitzeugen, Bernd Rottenecker nannte Fakten und Zahlen, Lavinia Jockers las jeweils ein Gedicht von Kurt Meier und Sylvia Cohn. Im Freien wurden die Namen und Lebensdaten der 13 letzten jüdischen Männer und Frauen Diersburgs verlesen und ihre Porträts von Besuchern vorgehalten, während für jeden eine Erinnerungskerze entzündet wurde. Die großen und sehr gut reproduzierten, ausdrucksstarken Porträts, im Halbkreis von Besuchern gehalten, machten auf den Betrachter einen starken, lebendigen Eindruck, als ob die Opfer noch tatsächlich noch anwesend wären. Pfarrer Kornelius Gölz sprach Worte aus dem jüdischen Totengebet, dem Chaddisch. Die würdige Gedenkfeier in Diersburg wurde von drei Musikern der Gruppe Le Chajm musikalisch ausdrucksvoll umrahmt.
Badische Zeitung, 23.10.2020
